Signale aus dem Hintergrund

 Signale aus dem Hintergrund

Einige Aspekte einer ganzheitlichen Psychotherapie

Signale aus dem Hintergrund

Einige Aspekte einer ganzheitlichen Psychotherapie

Ganzheitlichkeit umfasst nicht nur All-das-was-ist-und-sein-könnte, sondern auch all das, was geschieht. Da so viele Vorgänge simultan beziehungsweise gleichzeitig geschehen, unser Bewusstseins-Fokus jedoch in jedem Moment nur eine begrenzte Mengen an Faktoren wahrnehmen oder aufnehmen kann, ist der Begriff der Ganzheitlichkeit ein Ideal.

Sprache, die ja ein Medium des "Eins nach dem Anderen" ist, bietet also nur sehr unzureichende Möglichkeiten, um sich über Ganzheitlichkeit auszutauschen.
Daher beschränke ich den Fokus dieser Ausführungen auf einige Aspekte dessen, was auf Menschen einwirkt (was also "Wirk - lichkeit" schafft). Auch sie gehören zu den Wirkfaktoren des "Großen und Ganzen" und können die Fortschritte unserer Klienten und Patienten Richtung Gesundung behindern, gerade weil sie subtil und allgegenwärtig sind und von dem Kollektiv, indem wir uns bewegen, für selbstverständlich gehalten werden.

Das macht ihre Hinterfragung so schwierig, denn die Faktoren, die ich im Folgenden vorstelle, gehören zum (Hinter-)Grund und nicht zur Gestalt des vordergründigen Geschehens. Sie bilden also Kontext, der bekanntlich die Bedeutung des Vordergrundgeschehens modifiziert. Dabei ist die Empfänglichkeit für und die Stärke der Reaktionen auf diese Botschaften natürlich individuell ganz unterschiedlich: Je weniger abgegrenzt und je mehr Bereitschaft zur Fremdbestimmtheit ein Mensch ist, desto intensiver dürfte die Wirkung solcher kollektiven Signale auf ihn sein.

Wer also den Anspruch an sich stellt, seine Klienten ganzheitlich zu sehen, zu begreifen und auch zu begleiten, ist eingeladen, den Blick einmal auf das Hintergrundgeschehen zu lenken.
Dazu einige Beispiele, deren (Be)Deutung ich Ihnen hier versuchsweise und ganz subjektiv (also ohne Anspruch auf "Wahrheit") vorstelle:
1. Die Einladung zur Allergie
2. Stillgelegte Füße
3. Der pünktliche Tod

1. Die Einladung zur Allergie
Die rasante Zunahme von Allergien ist nicht restlos geklärt. Es gibt viele Vermutungen, und wahrscheinlich viele verschiedene Ursachen, die dafür zusammenwirken.

Ich meine allerdings zu beobachten, dass die unbewusste Bereitschaft dafür, ungelöste innere Konflikte und Probleme durch Allergiesymptome auszudrücken, sehr unterstützt wird durch die selbstverständliche kontinuierliche Veröffentlichung der Allergie-Wetterberichte inklusive der Pollenflug-Warnungen.
Denn dies signalisiert, dass es so viele Menschen gibt, für die solche Berichte wichtig sind, dass es sich vielleicht sogar um eine Mehrheit handeln könnte. Das subtile Signal der Allergienwetterberichte lautet also: "Gehöre dazu - sei IN - leg dir auch eine Allergie zu!"
Den Hintergrund für diese Bereitschaft bildet, so meine ich, die (unbewusste) Hoffnung, dass durch die kollektive Akzeptanz für Allergien die Chance auf Verständnis für die tieferen Seelennöte wächst. Dann würde die Allergie also versuchsweise als Ausdrucksmedium kreiert (das wäre der demonstrativ-appellative Aspekt des Körpersymptoms).

2. Stillgelegte Füße
Unsere Füße sind hochsensible Wahrnehmungsorgane auf der Instinktebene: Sie dienen uns dazu, uns in unseren Wachphasen einen kontinuierlichen Zustandsbericht über unseren Standort und seine Qualität zu liefern. Sie setzen unsere spontanen, impulsiven und instinktiven Regungen sofort und ohne den Umweg über die bewusste Steuerung in Bewegungsimpulse um. Unsere inneren Regungen sind natürlich auch Reaktionen auf unseren aktuellen Standpunkt beziehungsweise Aufenthaltsort. Das macht deutlich, wie zentral unser Instinkt-Selbst und unsere Füße wechselseitig miteinander verbunden sind. Damit dieses Wechselspiel einigermaßen ungestört geschehen kann, so, wie wir es im Tierreich beobachten können, wäre es allerdings notwendig, dass:

a. die Füße sich ungehindert, vielfältig und der Situation angemessen in ihren Gelenken, auch in den inneren kleinen, bewegen können

b. der Untergrund, mit dem die Füße Kontakt haben, unterschiedliche Strukturen und Qualitäten aufweist, also Aufschluss zur Qualität des Ortes gibt

c. genügend Zeit und Wahrnehmungskapazität zur Verfügung steht, damit die eigenen Impulse und die realen aktuellen Umweltbedingungen miteinander koordiniert werden können.
Alle drei Bedingungen werden in der Regel in unserer Zivilisation nicht erfüllt:

zu a.: Schon von klein auf bekommen unsere Kinder Schuhwerk mit festen Sohlen und Seitenwänden, die kaum Bewegungsspielraum für die vielen kleinen Gelenke im Fuß lassen (Im Unterschied zu etlichen Naturvölkern wird von unseren Kindern erwartet, dass sie sich ab dem ersten Lebensjahr auf ihre Füße stellen und zügig das Gehen, auch über längere Strecken, erlernen. Dazu braucht natürlich der weiche Kinderfuß Hilfe durch einen festen Schuh. Viele Kinder in Naturvölkern werden von den Großen bis zum Alter von etwa vier Jahren auf Wunsch getragen, so dass die Kinder das Laufen ohne Erwartungsdruck lernen können)

zu b.: Unsere Umgebung ist für unsere Füße extrem reizarm geworden: Straßenpflaster, Asphalt, Beton und Fliesen bilden einen harten, nicht federnden und fast vollkommen planen Untergrund (wobei auch Teppichboden oder Holzfußboden über Beton nicht viel mehr Abwechslung bietet), der unsere Füße und damit auch unsere Instinkte einschläfert und betäubt. Das ist sehr praktisch, denn dadurch halten wir es auch dort unglaublich lange aus, wo es uns eigentlich nicht gut geht oder wo wir leiden. Unsere Fluchtimpulse sind schlichtweg nicht mehr spürbar, oder erst dann, wenn der Leidensdruck nicht mehr zu ignorieren ist.

zu c.: Gemessen an den Bedingungen in freier Natur bewegen wir uns in einer gefahrenarmen Umgebung, zumindest was, wie beschrieben, den Untergrund betrifft, auf dem wir uns bewegen. Das ermöglicht uns den Luxus, relativ ungestraft "in den Kopf zu gehen", während wir uns bewegen. Wir können Gedanken nachhängen, zum Beispiel der Sorte: "Was muss ich noch alles erledigen und was darf ich nicht vergessen?"
Eine andere Gedankensorte ist: "Was sollen denn die Leute denken (zum Beispiel: wenn ich jetzt weglaufen würde)?"

Ich habe das Experiment in einem der letzten Sommer durchgeführt, übrigens keinem Plan, sondern einem Impuls folgend:

In einem Naturschutzgebiet, dessen Bodenbeschaffenheit sich aus kiesigem Flussufer, steilen Klippen und Waldboden inklusive gestürzter Bäume und Unterholz mit viel Totholz zusammensetzt, bin ich barfuss und in sinkender Dämmerung allein etwa drei Stunden herumgekraxelt. Niemand wusste, wo ich war, und für mein Handy war in dem felsigen Gelände kein Netz zu bekommen.
Schnell merkte ich, dass meine Sinne, mein Körperbewusstsein und meine gedankliche Konzentration mit der Wahrnehmung der Umgebung, insbesondere des mit jedem Schritt wechselnden Untergrundes und der Koordination meiner Bewegungen ausgelastet waren.
Meine Überlebensinstinkte tauchten in ganzer Größe und Schärfe wieder auf. Das damit einhergehende Erleben einer völlig in der Gegenwart aufgehenden einheitlichen Präsenz stand im scharfen Kontrast zu meiner sonst als normal erlebten Aufteilung in die eher beiläufige Außenwahrnehmung und des gleichzeitigen Gedankenstroms, gefüllt mit assoziativen Verknüpfungen von Erinnerungen mit möglichen Zukünften, mit Gedankenspielen und inneren Listen.

Nicht nur die Wanderung selbst war sehr intensiv; auch meine Fußsohlen waren für mehr als ein Jahr extrem empfindsam für die Wahrnehmung der Standortqualität.

Leider ist also in unserer Zivilisation der Kontakt zu unseren Instinkten und zu unserem Boden zweifach versiegelt. Das ist eines der allgegenwärtigen und als selbstverständlich hingenommenen Merkmale einer verdrängenden Gesellschaft mit all den bekannten Auswirkungen.

3. Der pünktliche Tod
Quer durch alle Medien und oft genug auch auf Grund persönlicher Erfahrungen mit alten, kranken oder verunfallten Angehörigen wird uns permanent nachdrücklich vor Augen geführt, wie unglaublich kostbar ein Menschenleben ist und wie unermüdlich, zur Not unter Einsatz komplexer Technik um dessen Erhalt gekämpft wird, selbst wenn dieser Kampf in manchen Fällen jedem Gefühl für Verhältnismäßigkeit und einem Tod in Würde entgegensteht. Das muss bei vielen Menschen den Verdacht aufkommen lassen, selbst ihr Leben wäre, zumindest auf einer bestimmten Ebene, wertvoll.

Als umso verwirrender muss doch dann, speziell von den älteren Semestern, die Diskussion um den so furchtbar schief laufenden Generationenvertrag erlebt werden. Die wenigsten Menschen fallen anderen gern zur Last, verschlechtern die Lebensumstände von anderen und machen sich auf diese Weise schuldig. Da wäre der pünktliche Tod kurz nach Erreichen des Rentenalters eine Forderung, die empfindliche Gemüter sich aus den ständigen sorgenvollen Diskussionen um die zukünftigen Renten herleiten könnten - wenn da nicht die Bilder von uralten Menschen wären, die nur noch von Geräten am Leben gehalten werden.

Das tiefe Bedürfnis im Menschen, zum Gelingen der Gemeinschaft beizutragen und Erwartungen gerecht zu werden, könnte durch solche widersprüchlichen Botschaften nachhaltig irritiert und desorientiert werden.

Es gibt natürlich noch unzählige Aspekte im Hintergrund, die subtil und permanent auf uns einwirken, und auf die wir als Therapeuten unser Augenmerk oft nicht richten, weil das Geschehen im Vordergrund, die aktuellen und chronischen Probleme, die unsere Klienten quälen, unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Mit diesen Ausführungen möchte ich Sie einladen, ab und zu den Blick zu heben und ihn ein wenig in die Ferne, in die "Kulissen" schweifen zu lassen. Denn das Befinden unserer Klienten wird ebenso wie unser eigenes vom Hintergrund, vom Kontext gefärbt und mit definiert.

Auch das gehört meiner Meinung nach zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise und Vorgehensweise in der Psychotherapie.

Wenn Sie gern an einer "Wanderung für Instinkte und Füße" mit mir teilnehmen möchten, freue ich mich, wenn Sie sich per Email an mich wenden: lindenberg@psycho-holistik.de

Dieser Artikel ist im Letter des

Berufsverbandes der Therapeuten für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz e.V. (HPG) e.V.

erschienen.

Zurück zu den Fachartikeln